KZ-Befreiung

Bild: KZ Moringen 1933

9. April – Tag der Befreiung

Am 9. April 1945 befreiten US-amerikanische Soldaten das Jugend-KZ Moringen. Im KZ befanden sich zu diesem Zeitpunkt nur noch kranke Häftlinge. Die meisten Inhaftierten wurden am 6. April auf einen „Evakuierungsmarsch“ in Richtung Harz geschickt. Die Kolonne jugendlicher Häftlinger teilte sich vermutlich in verschiedene Gruppen. Ein Großteil der Jugendlichen wurde am 10. April in einer Scheune in Abbenrode (Sachsen-Anhalt) von den SS-Bewachern zurückgelassen. Ein Massaker wie an anderen Orten fand nicht statt, die Jugendlichen der Hauptgruppe wurden von amerikanischen Soldaten mit Entlassungspapieren ausgestattet. Körperlich und seelisch geschwächt mussten sie ihren Heimweg auf eigene Faust antreten, teilweise bis nach Slowenien.

Seit 2022 feiern wir den 9. April als „Tag der Befreiung“ mit einem Gedenkgottesdienst in der Liebfrauenkirche Moringen, auch wenn die meisten Jugendlichen ihre Befreiung erst einen Tag später erlebten. Historischer Zufall ist es, dass der 9. April zugleich der Todestag von Dietrich Bonhoeffer ist. Sein Gedicht „Von guten Mächten“ hat daher einen festen Platz im Gottesdienst.

Der Gottesdienst ist sich der besonderen historischen Verantwortung bewusst, dass die Frauen, Männer und Jugendlichen keinen Schutz durch die evangelische Kirche vor Ort erfuhren. Niemand setzte sich in Moringen für sie ein, obwohl die Häftlinge täglich auf dem Fußweg zur Zwangsarbeit durch die Stadt marschierten. Unser Gottesdienst ist also vor allem ein Erinnern an das Scheitern einer Gesellschaft, die in der Mitte einer Kleinstadt quälte, prügelte und mordete. Indem sich die Kirchengemeinde seit 1979 für die Aufarbeitung der KZ-Geschichte stark machte, haben wir dennoch Verantwortung für die Zukunft übernommen. Der 9. April ist als Erinnerungsdatum ambivalent zu betrachten, dennoch versuchen wir seit 2022, diesen Tag in der Stadtgesellschaft zu etablieren. Fällt der 9. April auf einen Ostersonntag, legen wir Blumen im kleinen Kreis nieder.

Überblick: KZ-Geschichte und Aufarbeitung

  • 1738-1745 Errichtung eines Waisenhauses in Moringen für adelige Stände.
  • Werkhaus von 1818 bis 1944: Im Arbeitshaus wurden Menschen aus der Gesellschaft ausgeschlossen, die den damaligen Normvorstellungen nicht entsprachen, weil sie zum Beispiel keinen festen Wohnsitz oder Arbeitsplatz hatten.
  • Frühes KZ von April bis November 1933: Inhaftiert wurden politisch Andersdenkende und Oppositionelle, zunächst Bewachung durch reguläre Polizeikräfte, ab August durch die SS; im Oktober Verlegung der Häftlinge in die Konzentrationslager im Emsland oder in das Konzentrationslager Oranienburg.
  • Frauen-KZ von Oktober 1933 bis Juli 1938: Inhaftiert wurden politische Gegnerinnen, Zeuginnen Jehovas und zunehmend auch rassistisch und sozialrassistisch verfolgte Frauen. 
  • Jugend-KZ von August 1940 bis April 1945: „Jugendschutzlager“ für männliche Jugendliche zwischen (offiziell) 14 und 21 Jahren. Das Jugend-KZ Moringen stand unter der Leitung der Reichskriminalpolizei und wurde durch die SS bewacht. Insgesamt wurden etwa 1.400 Jugendliche in Moringen inhaftiert. Mindestens 120 Jugendliche sind in Moringen oder an anderen Orten an den Folgen der KZ-Haft gestorben. 54 Tote wurden auf dem Friedhof in Moringen beerdigt.
  • April 1945 bis 1951: Lager für „Displaced Persons“, vor allem Überlebende der Zwangsarbeit in der Region. An die Folgen der Zwangsarbeit erinnern bis heute die Grabsteine neben der Friedhofskapelle Moringen.
  • 1948 „Landeswerkhaus Moringen“, 1950 „Landesfürsorgeheim“ (Fortsetzung der Stigmatisierung und Verfolgung von unangepassten Menschen und angeblich „schwer erziehbaren“ Jugendlichen), 1960 „Niedersächsisches Landeskrankenhaus Moringen“ (LKH), heute: „Maßregelvollzugszentrum Niedersachsen – Standort Moringen“ (MRVZN).
  • 1974 Fahrt nach Auschwitz mit Aktion Sühnezeichen (Pastor Wolf-Dieter Haardt mit 25 Jugendlichen): Dort steht der Name „Moringen“ bereits auf einer langen Liste der KZs in ganz Europa.
  • 1979 Thematisierung der KZ-Geschichte im Mitteilungsblatt der Kirchengemeinde Moringen, Kirchenvorstand beschließt Aufstellung eines Gedenksteins für namenlose KZ-Gräber auf dem Friedhof Moringen, Kritiker sprechen vom „Kommunistenstein“.
  • Mit der Aufstellung des Gedenksteins im November 1980 entstehen erste Kontakte zu ehemaligen Häftlingen, Zeitzeugenberichte gehen ein und werden gesammelt. 
  • 1982 Ansprache am Volkstrauertag spaltet die Stadtgesellschaft: Gehört zum Gedenken am Volkstrauertag auch das Gedenken an die Jugendlichen, die auf dem Friedhof hier begraben sind?
  • 1983 Chronik zum 1000-jährigen Jubiläum der Stadt: Der 2. Weltkrieg wird verteidigt („Selbstbehauptungskampf des Deutschen Reiches“) und die KZ-Geschichte verschwiegen. Nach scharfer Kritik aus ganz Deutschland distanziert sich der Stadtrat im August einstimmig von den entsprechenden Passagen. Im Herbst lädt die Kirchengemeinde zum ersten Treffen ehemaliger Häftlinge ein.
  • In den 1980er Jahren bleibt die KZ-Geschichte Thema Nr. 1 in Moringen. Es dauert viele Jahre, bis die Verstrickung der meisten alteingesessenen Familien anerkannt wird. Konfrontation prägt die Diskussion; Aussprache und Versöhnung gibt es auch, aber solche intimen Momente schaffen es nicht in die Öffentlichkeit.
  • 1988 Neugestaltung des Gräberfeldes auf dem Friedhof Moringen: Alle bekannten Opfer erhalten einen Gedenkstein mit Namen, Geburtsjahr und Todesjahr.
  • 1989 Gründung der „Lagergemeinschaft und Gedenkstätte KZ Moringen e.V.“
  • 1993 Einrichtung der KZ-Gedenkstätte Moringen im Torhaus in der Langen Straße.
  • Seitdem engagieren sich die Gedenkstätte als Vertretung der ehemaligen Häftlinge gemeinsam mit der Stadtgesellschaft und der Kirchengemeinde für eine lebendige Erinnerungskultur.
  • Auf dem Stadtfriedhof erzählt seit 2025 das virtuelle Gedenkbuch die Lebensgeschichten der Verstorbenen. Der Ort der Erinnerung bezieht auch die Menschen in das Gedenken mit ein, deren Gräber nicht auf dem Friedhof liegen oder deren Geschichten noch unbekannt sind.

Helmut Becker (1926-2017)

Günter Discher (1925-2012)

Jugend im Widerstand

Gedenkstätte Moringen