Ev.-luth. Trinitatis-Kirchengemeinde Leine-Weper

Moringen, Fredelsloh, Espol, Großenrode, Schnedinghausen, Lutterbeck, Oldenrode und Nienhagen

Ev.-luth. Trinitatis-Kirchengemeinde Leine-Weper header image 3

Fredelsloh

DIE STIFTSKIRCHE ST. BLASII UND MARIEN IN FREDELSLOH

EINE ROMANISCHE BASILIKA

Unsere Fredelsloher Stiftskirche hat eine über 800 jährige Geschichte. Im 12. Jahrhundert spielte das Augustinerstift, zu dem die Kirche gehörte, eine bedeutende Rolle im Kräftespiel der Machtpolitik der Staufer und Welfen.

Geschichte

1132 gründete Erzbischof Adalbert I. von Mainz im äußersten Nordwesten seiner Diözese das hiesige Chorherrenstift als „geistliche“ Grenzbefestigung. Die Augustiner Chorherren lebten, im Unterschied zu den Mönchen, nicht nach der Regel Benedicts, sondern nach der des Hl. Augustinus und seiner Freunde. Kaiser, Päpste, Erzbischöfe und hohe Feudalherren statteten das Stift mit zahlreichen Privilegien und Schenkungen aus. Bald wurde – um die Bedeutung Fredelslohs zu unterstreichen – dem Männer- ein Frauenkonvent hinzugefügt. Zum Chorgebet, das siebenmal am Tag stattfand, kamen so ca. 100 bis 150 Personen zusammen. Der erste Probst (bei den Chorherren gab es keinen Abt) hieß Hermann. Eine zweite Gründungsurkunde aus dem Jahre 1137 bestätigte und festigte die Stiftung Adalberts. Der Probst Bertram und der Konverse (Laienbruder) Johannes hatten im weiteren Verlauf des 12. Jahrhunderts aktiven Anteil an der Reichspolitik: Während Bertram als Parteigänger der Mainzer Erzbischöfe die Interessen der Welfen im Stift vertrat, hatte die Partei der Staufer in Johannes, der vermutlich dem Grafengeschlecht derer von Dassel zugehörte, einen gewichtigen Fürsprecher. Beide verstanden es, die jeweils rivalisierenden Kräfte für Fredelsloh nutzbar zu machen. Nach dem Sturz Heinrichs des Löwen fiel die Gegend als Zankapfel aus und Fredelsloh verlor seine bis dahin gehabte Schlüsselfunktion. Mit dem Ausbleiben nennenswerter materieller Zuwendungen setzte ein ökonomischer Verfallsprozess ein, so dass die Stiftsherren Fredelsloh verließen. Die Stiftsdamen präsentierten danach allein das geistliche Element am Ort. Die Bewohner Fredelslohs begannen aus der Not eine Tugend zu machen: Die Qualität des Bodens für landwirtschaftliche Nutzung war gering, da der Boden stark tonhaltig war. Man tat es nun den Bewohnern umliegender Orte gleich (heute Wüstungen) und verarbeitet das kostbare Rohmaterial zu Töpferware, die auf den umliegenden Märkten verkauft wurde. Seit ca. 1250 lag Fredelsloh im Machtbereich der Welfen. Im 13. und frühen 14. Jahrhundert sank es in seiner Bedeutung zu einem kleinen Provinzmonasterium herab, über das die Grafen von Dassel die Vogtrechte ausübten. Der Vogt galt als der weltliche Anwalt und Schutzherr eines Stiftes oder Klosters. 1290 verwüstet eine Feuersbrunst große Teile der Stiftskirche und der Konventsgebäude. Die Kurie in Rom gewährte Unterstützung beim Wiederaufbau. Am Kirchengebäude hinterließ die Katastrophe jedoch bleibende Spuren. Im Jahr 1292 geschah im Stift ein Mord, dessen Hintergründe im Dunkeln blieben. Jedenfalls zahlte der Probst den Angehörigen des Erschlagenen ein beträchtliches Bußgeld, schon aus Sorge um eine nachhaltige Schädigung des guten Rufes seines Stiftes. Seit dem 14. Jahrhundert traten wiederholt die Braunschweiger Herzöge als Schlichter auf. Nach dem Erlöschen des Dasseler Grafengeschlechtes im Jahre 1322 schlichteten sie z.B. 1349 einen Streit zwischen den Fredelsloher Stiftsdamen und den Brüdern des Antoniterordens im nahe gelegenen Edelershusen (heute Tönnieshof = Antoniterhof) vor dem herzoglichen Schiedsgericht. Auch beim Streit um die Kapelle St Walburgis auf der Kaiserpfalz Grona bei Göttingen waren die Herzöge behilflich. Dieser Streit dauert das gesamte 15. Jahrhundert über an. 1542 führte Herzogin Elisabeth von CalenbergGöttingen mit Hilfe des Reformators Antonius Corvinus wie überall in ihrem Land die lutherische Reformation ein. Bei seiner Visitation fand Corvinus indes nur mehr wenige, zudem recht betagte Stiftsdamen vor, die sich der Neuordnung im Sinne der Reformation zwar nicht entgegenstellten, aber den Reformator baten, man möge sie vor allzu vielen Neuerungen verschonen, da sie wegen ihres Alters dazu nicht mehr in der Lage seien. Herzog Erich d. J. wandte sich vom Protestantismus ab und versuchte die Reformation in seinem Land rückgängig zu machen. Es war ihm kein Erfolg beschieden. 1564 verpfändete er das Stift zur Deckung seiner hohen Schulden. Einige Jahre später verkaufte er Fredelsloh an Dietrich Kanne. Nach Erichs Tod übernahm die Wolfenbüttler Linie der Welfen das Herzogtum CalenbergGöttingen. Der neue Herzog Julius erwarb das Stift zurück. In der Folgezeit konsolidierte sich die wirtschaftliche Situation des Stiftes wieder etwas. Seitdem war es um die kirchliche Bindung der Bevölkerung nicht gut bestellt. Dies verwundert angesichts des ständigen Hin und Her zwischen Interessen und Konfessionen nicht. Während des Dreißigjährigen Krieges verwüsteten die Heere von Tilly, Wallenstein und Gustav Adolf diese Gegend. Die Armut im Stift vergrößert sich. Wenige Jahre später (1652) wird die letzte Stiftsfrau urkundlich bezeugt. Außer der Stiftskirche – von den Konventsgebäuden ist heute nichts mehr erhalten – blieben die Institutionen des regelmäßigen Gottesdienstes und der Pfarrstelle erhalten, die die in der Gründungsurkunde genannte Aufgabe der Kirche „zur höheren Ehre Gottes“ wahrnehmen sollen. Das Gebäude der Stiftskirche gehört wie der einstige Besitz an Ländereien heute der Klosterkammer Hannover, die als staatliche Einrichtung der Niedersächsischen Landesregierung untersteht. Die Klosterkammer führte 1968 bis 1973 eine umfangreiche Restaurierung durch, die den ursprünglichen romanischen Raumeindruck wiederherstellte.

Kunstgeschichtliches

Eine romanische Basilika in der reinen Form des 12. Jahrhunderts haben wir in der Fredelsloher Stiftskirche vor uns. Sie weist einen kreuzförmigen Grundriss mit doppeltürmiger Fassade im Westen und dreiapsidialem Chorschluss im Osten auf. Das Mittelschiff des Langhauses hat annähernd doppelte Höhe und Breite wie die beiden Seitenschiffe. Der Arkadenwechsel im Innern zeigt ursprünglich den einfachen Stützenwechsel. Jedoch wurden nach dem Brand 1290 die zerstörten Säulen vielfach durch pfeilerartige Stützen ersetzt. Die bereits während der Bauzeit vorgenommene Erweiterung des Konvents um einen Frauenteil bedingte die Errichtung getrennter Wohnbereiche und Zugänge zur Kirche. Während die Gebäude des Männerkonvents sich um den an das südliche Seitenschiff angelehnten Kreuzgang gruppiert haben werden (etwa bis zum heutigen Teich) und die Chorherren das Kirchengebäude über den südlichen Querhausarm betraten (vgl. dort die angedeutet Portalkonstruktion der Restaurierung um 1900), dürften die Wohnräume der Stiftsdamen westlich der Kirche gewesen sein (wohl das Areal des heutigen Verwaltungsgebäudes). Für den Zugang der Stiftsdamen zu ihrem Gottesdienstort, dem Nonnenchor, wählte der mittelalterliche Baumeister eine unkonventionelle und so nur hier anzutreffende Lösung: Zwischen die Westtürme fügte er einen hohen apsidialen Anbau an mit einer kleinen Tür im Erdgeschoß, welche für die Stiftsdamen den Zugang bildete. Im Innern dieses Anbaues befindet sich eine Wendeltreppe, deren Konstruktion sonst nur in Minaretten zu finden ist. Im Grunde handelt es sich um einen vollständigen Treppenturm, wobei nur dessen eine Hälfte von außen sichtbar ist. Beim Betreten der Wendeltreppe fällt dem aufmerksamen Betrachter auf, dass die Unterkante der Stufen, welche über seinem Kopf sind, nicht identisch sein kann mit der Unterkante der tatsächlich gerade begangenen Stufe. Des Rätsels Lösung: Um die Innenspindel sind zwei Stufenläufe geführt. Zwischen diesen ist ein Hohlraum, welcher den Stiftsdamen in unruhigen Zeiten zum Versteck ihrer Habe gedient haben soll. Die Bauzier des Außenbaues ist ähnlich sparsam wie die des Innenraumes. An der Ostseite zierte ursprünglich durchgängig ein in Kopfkonsolen endender doppelt übereinander gelegter Rundbogenfries die Traufzone, der Fries der Hauptapsis weist Schachbrettmuster auf. Zwei einander durchschneidende Reihen von Rundbögen zeigt dagegen die Traufe des schon erwähnten apsidialen Anbaues im Westen. Die Sockelprofile verlaufen nicht um den ganzen Bau herum in einheitlicher Durchbildung, zudem sind sie heute – besonders nach Neuerrichtung der Seitenschiffaußenwände im Barock – nicht mehr vollständig. Um das Nordportal – in der Neuzeit das einzige des Gebäudes – ist das Sockelprofil in einem großen Rechteck herumgeführt. Dieses Portal flankieren zwei eingestellte Halbsäulen welche als Wulst oberhalb der Blattkapitelle fortgeführt sind. Als Besonderheit weist der untere Wulstring der attischen Basis auf der linken Seite einen breit auslaufenden, auf der rechten dagegen eine spitzen Ecksporn auf. Im Innern wird sich erweisen, dass auch dort dieses Prinzip abwechselnder Ecksporne durchgehalten ist. Im Innern fällt sofort die Trennwand in der Mitte des Langhauses ins Auge. Sie steht seit über 200 Jahren dort und konnte aus statischen Gründen bei der letzten Renovierung nicht entfernt werden. Der stark sandhaltige Boden lässt die Obergadenmauern beträchtlich in südliche Richtung abkippen, so dass ohne Trennwand das Gebäude einstürzen würde. Eine hochromanische Basilika ist von der Vierung her konzipiert oder anders: vom Chorus, wie dieser Raumteil im Mittelalter genannt wurde. Hier versammelten sich die Konventsbewohner zum siebenmaligen täglich gesungen Psalmgebet in Chören. Die Seitenlänge des Vierungsquadrates gibt die Maßeinheit für den gesamten übrigen Innenraum vor. Es entsteht der Eindruck von Harmonie und Ausgewogenheit, dies ist durchaus beabsichtigt. Dem mittelalterlichen Menschen war es wichtig, die Stätte Gottes bei den Menschen als einen Ort darzustellen, wo Maß und Ordnung herrschen. Chaos, unkultiviertes Land herrschte ringsum.

Eine durch vier große Mauerbögen hervorgehobene Vierung nennt die Kunstwissenschaft „ausgeschiedene Vierung“. Diese Konstruktion verdankt sich wie so viele Details der heimischen sächsischen Romanik dem genialen Künstler und Baumeister Bischof Bernward von Hildesheim. Sie wurde zum ersten Mal modellhaft in der St. Michaeliskirche in der alten Bischofstadt durchgeführt. Die Vierung enthielt ursprünglich keinen Altar. Das Chorgebet (nicht die Messfeier) galt Mönchen, Stiftsherren unddamen als vollgültiger Gottesdienst. Zur Feier der Eucharistie standen ein oder mehrere Altäre zur Verfügung im Raumquadrat hinter der Vierung, den Sanctuarum (in der Kunstwissenschaft ein wenig irreführend als „Chorquadrat“ bezeichnet). In den Ecken der Vierungpfeiler befinden sich Basen und nicht aufgeführte Schäfte von Ecksäulen. Sie waren als Trägersystem für ein Kreuzgratgewölbe geplant, welches mindestens die östlichen Partien des Baues hätte erhalten sollen. Aus statischen Gründen wurde dieses Vorhaben im weiteren Bauverlauf aufgegeben. Auch am unteren Wulstring dieser Säulenbasen findet sich wieder – wie beim Eingangsportal – der Wechsel zwischen den flachen und spitzen Eckspornen. Das Stützsystem des Langhauses wies ursprünglich je sechs Arkaden auf der Nordund Südseite auf, getragen von je drei Säulen, wechselnd mit Pfeiler. Nach der Brandkatastrophe 1290 wurden Pfeiler anstelle der Säulen errichtet. Leider verstellt die Trennwand im Mittelschiff den Blick auf die Nonnenempore. Bei dieser Empore handelt es sich wahrscheinlich um eine dreigeschossige Konstruktion, ein Zitat der etwa 100 Jahre älteren Engelsemporen in den Querhausarmen Von St. Michaelis in Hildesheim. Wobei der ursprüngliche Blick nach Westen ebenfalls den Eindruck großer harmonischer Geschlossenheit erweckt haben muss. Die Arkatur der einzelnen Geschosse – von oben nach unten gesehen – verjüngt sich im Verhältnis 4:3:2, wobei hinter der Dreierarkade des mittleren Geschosses die Ebene zu denken ist, auf welcher der Frauenkonvent zu den Gottesdiensten Platz nahm. Das obere der drei Geschosse ist offensichtlich von vornherein „blind“ gewesen. Es diente also ästhetischen Zwecken. Für das ansonsten streng (liturgisch) funktional denkende Mittelalter eine bemerkenswert fortschrittliche Konstruktion. Alle vergleichbaren romanischen Westemporen Sachsens sind lediglich zweigeschossig.

Zu den Kunstwerken:

Der heute knapp vor dem Scheitelpunkt der Hauptapsis errichtete Taufstein datiert wohl aus spätromanischer Zeit. Ein zweiter, gänzlich schmuckloser und vielleicht ein wenig älterer befindet sich im heute abgetrennten Westteil. Den einzigen gotischen Bauteil bildet die Sakramentsnische auf dem Hauptapsisscheitel hinter dem Taufstein mit wohl noch original mittelalterlichem schmiedeeisernem Gitter. Die Apostelreliefs an der Nordund Südwand des Sanktuariums (um 1400?) befanden sich wohl ursprünglich an einem Kanzellettner. Dieser schied in Höhe der heutigen Altarstufen zwischen dem westlichen Vierungpfeiler die geheiligten Ostteile von den in der Raumhierarchie tiefer stehenden Westteilen. In dieser Funktion sollten die Apostel für das im Mittelschiff versammelte gläubige Volk als Richterkollegium Christi beständige Mahnung sein. Über dem Eingang zur modernen Sakristei (im. nördlichen Seitenschiff) ist eine Kreuzigungsgruppe aus Holz angebracht. Die farbliche Fassung stammt wohl aus dem Barock. Die Figuren des Johannes und der Maria sind möglicherweise spätgotisch. Diese Figuren gehörten ursprünglich zu einem Altar. Im südlichen Querhausarm findet sich neben anderen Gedächtnismalen ein bemerkenswerter Grabstein wohl aus dem 18. Jahrhundert. Künstlerisch ist er von geringem Wert, aber kultur- bzw., liturgiegeschichtlich ist er bedeutsam. Er stellt einen ortsansässigen Pfarrer in vollständigen liturgischen Gewändern dar. Dies erinnert uns daran, dass der schwarze Talar als Amtstracht erst eine Erfindung der Neuzeit ist. 1811 wurde er im Königreich Preußen protestantischen (und auch jüdischen) Geistlichen verordnet. Weiter befindet sich an der südlichen Querhauswand ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert, das die Kreuzigung darstellt. Es stammt ursprünglich nicht aus Fredelsloh. Die metallenen Werke – Kerzenhalter, Altarkreuz und Kanzel – sowie den Altartisch aus Buntsandstein ließ die Klosterkammer wie die Buntglasfenster der Apsiden anfertigen. Sie stellen in den Nebenapsiden die Patrone der Kirche St. Blasius und Maria dar, in der Hauptapsis eucharistische Motive und das Kreuz mit dem griechischen Christusmonogramm XP (chi-rho) sowie dem lateinischen Wort „Pax“ (Frieden). Damit wird auf die ursprüngliche Bedeutung des Ortsnamens „Fredelsloh“ angespielt „Fridessele“, wie unser Ort im Mittelalter hieß, bedeutet soviel wie „Friedenssaal“. Die Fenster wurden von H. Kirchner aus Köln entworfen.

Literaturhinweise:

Both, Fritz, Die Klosterkirche St. Blasii und Marien, Göttingen 1982

Gramatzki, Horst, Das Stift Fredelsloh von der Gründung bis zum Erlöschen seines Konventes, Einbeck 1972

Goetting, Hans, Hilwartshausen und Fredelsloh. Zwei Stützpunkte stauffischer Politik an der Oberweser im 12. Jahrhundert, in: Archiv für Diplomatik 34, Wien 1988

Hamann, Manfred, Urkundenbuch des Stiftes Fredelsloh, Hildesheim 1983

Kutzner, HansJürgen / Bludau, Heiner, Predigt in Stein. Gedanken zum basilikalen Kirchenbau im südlichen Niedersachsen. Hildesheim 1987

Mielke, Friedrich, Eine verdeckte Doppelwendeltreppe in der Kirche zu Fredelsloh, in: Kunstspiegel l, 1979

Der gesamte Kirchenführer steht hier zum Download bereit:

Kirchenführer Fredelsloh